Wie tierversuchs frei ist tierversuchsfrei?

15.06.2014

Heute gibt es mal ein Beautygeplänkel der etwas anderen Art. Angeregt durch die Artikel von Erbse Bitte boykottieren und Ich bin eine Insel Von mir kein Boykott, habe ich mir gerade in letzter Zeit wieder vermehrt Gedanken um das Thema Tierversuche gemacht. Einer der Hauptgründe für meinen Wechsel zur Naturkosmetik war, neben der Probleme, die mir konventionelle Produkte bereitet haben, auch das Drumherum: gerechte Arbeitsbedingungen, Nachhaltigkeit, aber eben auch Tierversuchsfreiheit. Kurz: für meine Eitelkeit soll niemand leiden. 

Die Vorgaben diesbezüglich sind gut: in Deutschland hat die Tierschutzbewegung ihre Wurzeln bereits im Kaiserreich. Das erste deutsche Tierschutzgesetz wurde 1933 verabschiedet. Seitdem erfolgten mehrere Novellierungen (zuletzt 2013). 2002 wurde der Tierschutz auch in das Grundgesetz übernommen. Seit 1998 sind Tierversuche in der BRD gesetzlich verboten, seit 2004 in der EU. Eine weitere Änderung betraf die Jahre 2009 und 2013; durch die EU-Kosmetikrichtlinie 2003/15/EC, ist nun auch die Einfuhr von an Tieren getesteter Kosmetik in die EU verboten. All dies liest sich auch tatsächlich erst mal ganz gut; wie immer gibt es hier ein aber...

Auch wenn Endprodukte nicht mehr an Tieren getestet werden dürfen, schließt das nicht automatisch auch deren Bestandteile ein. Gerade Inhaltsstoffe werden oft recht universell eingesetzt. Ein Beispiel: Natriumlaurylethersulfat (besser bekannt unter dem engl. Begriff Sodium Laureth Sulfate), ein Tensid (= waschaktive Substanz) findet sich nicht nur in Duschgels, Zahnpasta und Co., sondern auch in Waschmitteln, Spülmitteln und Betonreiniger. Die Vielseitigkeit ist natürlich eine tolle Sache, führt aber auch das Problem mit sich, dass schnell andere Richtlinien greifen, wie die EU-Chemikalienrichtlinie, und so weiterhin an Tieren getestet wird. Indirekte Tierversuche können also nicht ausgeschlossen werden.

Und auch wenn Tierversuche innerhalb Deutschlands und in der EU verboten sind und waren, so gilt dies bisher nicht für Drittländer. In China sind diese beispielsweise noch immer gesetzlich vorgeschrieben. Mit der EU-Kosmetikrichtlinie soll nun zwar vermieden werden, dass diese Produkte bei uns eingeführt werden, sie verbietet Unternehmen jedoch nicht in diese Länder zu exportieren und damit Tierversuche in Kauf zu nehmen.

Globalisierung ist toll. Noch vor einigen Jahren hätte man auf einige Produkte gänzlich verzichten müssen oder dorthin reisen, um sie sein Eigen nennen zu können. Heute können wir das Gros auch über das Internet bestellen. Nicht unerheblich dabei ist auch die Verflechtung von Firmen und sich so vergrößernder Konzerne. Ein weltweit agierendes Firmengeflecht also, das es immer schwieriger macht Produktion und Vertrieb nachvollziehen zu können.

Wie tierversuchs frei ist tierversuchsfrei denn nun?

Um ganz schwarzmalerisch zu sein: gar nicht, denn fast alle Inhaltsstoffe wurden irgendwann und irgendwo mal an einem Tier getestet, sonst würden wir sie heute gar nicht in unserer Kosmetik finden. 

Wer nun aber nicht völlig auf Pflege- und Kosmetikartikel verzichten möchte oder diese nicht nur noch selbst anrühren möchte (auch hier die Anmerkung, dass dies nicht ganz risikolos ist), kann sich zumindest hinsichtlich des aktuellen Standes an den einschlägigen Siegeln orientieren, die man jedoch auch genauer betrachten sollte:
Das Leaping Bunny Siegel (Humane Cosmetics Standard, kurz HCS). Dabei handelt es sich um ein internationales Siegel, bei dem die Firmen selbst einen Stichtag wählen, ab dem das Unternehmen keine Tierversuche mehr durchführt oder in Auftrag gibt. Gleiches gilt für dessen Zulieferer. Bestandteile von toten oder lebendigen Tieren sind jedoch erlaubt, was vor allem für Vegetarier und Veganer eine Rolle spielen dürfte. Die Zertifizierung erfolgt regional.



Der Hase mit der schützenden Hand vom Internationaler Herstellerverband gegen Tierversuche in der Kosmetik (kurz IHTK). Hier dürfen für die Produkte keine Tierversuche durchgeführt oder in Auftrag gegeben werden. Auch darf es keine Verbindungen zu Unternehmen geben, die diese durchführen. Zudem dürfen keine Bestandteile von getöteten oder gequälten Tieren verwendet werden und keinerlei Rohstoffe, die nach dem 1.1.1979 auf den Markt kamen (und dementsprechend danach getestet wurden) verwendet werden.



Bei dem BDIH-Siegel handelt es sich um kontrollierte Naturkosmetik bei der weder bei der Entwicklung, Herstellung noch bei der Prüfung der Endprodukte Tierversuche durchgeführt oder in Auftrag gegeben wurden. Rohstoffe, die nach dem 1.1.1998 auf den Markt kamen, dürfen nur verwendet werden, wenn sie ebenfalls nicht im Tierversuch getestet wurden. Rohstoffe aus toten Wirbeltieren sind nicht erlaubt, Rohstoffe, die von Tieren produziert worden, sind es. 

Die Vegan-Blume. Auch hier dürfen keine Tierversuche durchgeführt oder in Auftrag gegeben werden. Gleiches gilt für Lieferanten. Zudem dürfen keinerlei tierische Rohstoffe verwendet werden. 

Die meisten Naturkosmetik-Produkte tragen eines oder mehrerer dieser Siegel. Doch nicht immer ist das Fehlen dieser auch ein Hinweis dafür, dass getestet wird. Eine Zertifizierung ist auch immer kostspielig und so nicht für jedes kleine Unternehmen finanzierbar. Hier kann man sich dann nur auf die jeweiligen Versprechen verlassen. Oder eben versuchen Hintergründe genauer zu recherchieren. Der Aufwand hierfür ist natürlich nicht unerheblich. Eine weitere Orientierung bieten hierbei beispielsweise der Blog von Erbse Blanc et noir, die die Firmen anschreibt und aufgrund dieser Informationen in eine rote & grüne Liste einteilt, Peta 2 oder auch Animals' Libertys Wer macht was?. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf: nicht jeder kategorisiert gleich. Zum einen muss sich auch hier auf die Firmenaussagen verlassen werden, zum anderen werden unterschiedliche Maßstäbe angesetzt. So landet die ein oder andere Marke auch mal auf einer grünen Liste, mal auf einer roten. 

Wie tierversuchsfrei bin ich?

Gerade diese Problematik verursacht auch mir immer wieder Magendrücken; welche Marken kann ich kaufen, auf welche verzichte ich? Mit dem Umstieg auf Naturkosmetik gehe ich größtenteils sicher, da die meisten meiner Produkte (zumindest was Kosmetik angeht) ohnehin ein Siegel tragen, dennoch ist das nicht immer der Fall. Und nicht immer bin ich konsequent: so habe ich Logocos und Sante eine ganze Weile boykottiert, weil beide Marken nach China exportiert und somit Tierversuche in Kauf genommen haben. Auch wenn ich Alverde und Alterra grundsätzlich skeptisch gegenüber stehe, kaufe ich hin und wieder doch deren Produkte, häufig, aber nicht immer tragen sie ein Siegel. So werden für Alverde zwar keine Tierversuche durchgeführt, dennoch geriet das Unternehmen in die Kritik, weil in den Dalli-Werken produziert wurde, die u.a. mit der Grünenthal GmbH und dem Contergan-Skandal in Zusammenhang stehen und aufgrund des pharmazeutischen Backgrounds eben auch anderen Richtlinien unterliegen. Ähnlich sieht es mit Weleda aus: die Wala Heilmittel GmbH besteht aus Wala Arzneimittel und Dr.Hauschka Kosmetik. Wer Arzneimittel vertreibt, unterliegt anderen Richtlinien und wird für diese auch Versuche durchführen müssen. Muss ich nun auch die Kosmetikprodukte meiden? Eine meiner früheren Lieblingsmarken im dekorativen Bereich war Urban Decay. Eine Marke, die sich immer groß "Tierversuchsfreiheit" auf die Fahnen geschrieben hat. Als es um die Frage ging, ob man nach China exportieren solle, liefen die Kunden Sturm und man entschied sich dagegen. Die brachte dann auch einen Platz auf der Peta-Liste ein. Inzwischen gehört Urban Decay zu L'Oreal, einem Konzern der Tierversuche in Kauf nimmt. Wieviel Einfluss haben solche Firmenkäufe und -verflechtungen?

Hier muss ich mir vor allem auch an die eigene Nase fassen; so konsequent wie ich es gern wäre, bin ich leider nicht immer. Dies resultiert vor allem aus meiner eigenen Unsicherheit. Noch immer habe meinen persönlichen Standard nicht gefunden. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum ich selbst manchmal unterschiedliche Standards anlege: Logocos meiden war für mich einfach: jemand der sich der Naturkosmetik verschreibt, darf in meinem Augen nicht in ein Land exportieren, das Tierversuche vorschreibt. Warum knicke ich also bei Alverde ein? Mein Maßstab setzt hier viel niedriger an, weil ich die Marke eher also Pseudo-NK empfinde. Darf ich Marken verteufeln, die offen und transparent an die Problematik herangeht (wie Wala) und ihr Möglichstes versucht, Leid zu meiden, dies aber nicht immer garantieren kann; während sich andere Marken bedeckt halten oder sich noch feiern lassen, weil sie dann eben doch nicht exportieren?

Nicht unerheblich sind zudem andere Produkte; beispielsweise Lebensmittel. Wenn ich was Kosmetik angeht konsequent bin oder sein will, schließt das nicht auch andere Lebensbereiche ein?


Wie geht Ihr mit dem Thema Tierversuche um? Wie tierversuchsfrei seid Ihr?




Quelle der Abbildungen: http://www.vier-pfoten.de/kampagnen/tierversuche/kosmetik-und-tierversuche/labels-fuer-tierversuchsfreie-kosmetik/

Kommentare:

  1. Danke für diesen tollen Post! Ich sehe vieles genauso wie du, gerade der letzte Absatz entspricht dem, was mir durch den Kopf geht. Für sich selbst das richtige Maß zu finden und zu entscheiden, was man unterstützen will durch einen Kauf und was nicht, ist manchmal gar nicht so einfach. Und manchmal verändert man seine Meinung zu bestimmten Themen auch mit mehr Infos.

    Eine Zertifizierung brauche ich übrigens nicht unbedingt, manchmal kann ich einem Unternehmen auch ohne Vertrauen, dies ist aber natürlich nicht immer der Fall.

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  2. Da ich mich kaum bis gar nicht schminke bin ich in der Hinsicht sehr tierversuchsfrei. Kaufe z.B. nichts mehr von P&G seitdem ich gehört habe, dass die viele Tierversuche machen.
    Mit den Symbolen ist hier sehr hilfreich.

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Vielen Dank fürs Kommentieren :)

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