Zero Waste = Zero Sinn?!

14.04.2018

Das schöne an der Beschäftigung mit Naturkosmetik ist, wenn man erst mal den ganzen "schädliche Inhaltsstoffe"-Zinnober hinter sich gelassen hat, man irgendwann beginnt sich globaler mit sich selbst und dem eigenen Konsum auseinanderzusetzen. Muss ich wirklich das 5. Shampoo im Schrank stehen haben? Ist das etwa teurere Produkt vielleicht doch besser, weil es weitaus mehr Inhaltsstoffe aus kontrolliert biologischen Anbau enthält? Und wie recycelbar ist eigentlich dessen Verpackung? Apropos Recycling: statt des Pappbechers mit Plastikdeckel, nehme ich dann doch lieber meinen eigenen Becher mit. Natürlich nicht bei Primark gekauft, sondern im Bio-Laden. Und Lebensmittel gleich mit. Und sollte ich dieses Jahr vielleicht nicht besser auf die Fernreise mit dem Flugzeug verzichten?

Nein, das Benutzen von Naturkosmetik bedeutet nicht automatisch auch ein nachhaltigeres Leben zu führen. Das merke ich jedes Mal, wenn ich zu unseren Mülltonnen gehe und feststelle wie viel Müll so ein 2-Personen-Haushalt+Katze produzieren kann. Oder doch mal wieder den To-Go-Becher vergessen habe. Oder ein Teil online bestellt habe, das in viel zu viel Verpackung die Reise auf den Weg zu mir gemacht hat. Deshalb wird dies auch keine Schmäh-Rede gegen die Zero-Waste-Bewegung. Fakt ist; ich muss da noch ganz viel an mir selbst arbeiten. Warum mir das manchmal so schwer fällt (mal abgesehen von der persönlichen Bequemlichkeit) und warum Zero Waste für mich keine Pauschallösung ist, darum geht es heute.

Was bedeutet eigentlich Zero Waste?

Ganz platt "Null Müll", wortwörtlich übersetzt. Damit gemeint sein kann aber auch "Null Verschwendung". Wie das meistens so ist, gibt es keine einheitliche Definition des Begriffs, der so ins Deutsche übernommen wurde. Eine etwas allgemeingültigere Definition könnte in etwa lauten, dass möglichst wenig Ressourcen verschwendet und damit Abfallmenge (und Recycling) gering gehalten werden.

Als Mutter der Zero Waste-Bewegung gilt die französischstämmige Amerikanerin Bea Johnson, die mit ihrem Blog dieses Konzept populär gemacht hat. Auf sie geht auch die Richtlinie der 5 Rs zurück: 
  • Refuse - Ablehnen
  • Reduce - Reduzieren
  • Reuse - Wiederverwenden
  • Recycle 
  • Rot - Verotten
Sich auf das Wesentlich beschränken, Dinge wiederverwenden und reparieren, nach Möglichkeit recyclen oder verrotten lassen, das klingt einleuchtend und nach einem guten Ziel. Warum kann ich diesen Lebensstil dennoch nicht vollkommen adaptieren?

"Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist die falsche"

Oftmals erscheint es mir so als müssen Menschen ein Feindbild haben. Und wenn es nicht Parabene, Alumniumchlorid oder Fluoride sind (und ja, während ich das schreibe, muss ich ein wenig über mich selbst und meinen reizarmen Pflegeansatz grinsen...), dann Müll oder noch viel eher Plastik.  Am liebsten beweisen wir uns das dann gern selbst, in Form einer Challenge. Das moralische Über-Ich mag angespornt werden...

Dass wir es schaffen, unseren eigenen Lebensraum zu zerstören, dass wir Unmengen an Müll, vor allem auch Plastik- produzieren (37kg jeder Deutsche im Jahr, um genau zu sein) und das wir daran dringend etwas ändern müssen, ist unbestritten. Aber macht ein Verzicht auf Plastik alles besser?

Wenn Lösungen so einfach wären, dann gäbe es wohl unlängst Weltfrieden und wir hätten Hunger und Armut besiegt. Allerdings leben wir in einer komplexen Welt, in der Lösungen alles andere als einfach sind. Und der berühmte Sack Reis in China eben doch seine Relevanz hat.

Macht ein Verzicht auf Plastik meine Umweltbilanz automatisch besser, wenn ich doch keinen Unverpackt-Laden in der Nähe habe (und wie werden die Waren dorthin geliefert?) und erst 50km und das gar mit dem Auto, weil die Anbindung an den Öffentlichen Nahverkehr so schlecht ist, zurücklegen muss? Ist der Verzicht auf die Orangen im Netz zugunsten der losen besser - auch wenn diese aus Südamerika stammen statt Europa? Und dann vielleicht konventionell und pestizidbelastet angebaut wurden und nicht kontrolliert-biologisch? Und dann auch noch dreimal so teuer sind. 
Muss ich jetzt zur Bambuszahnbürste greifen, weil die verrottet, obwohl sie aufgrund des Aufweichens unhygienisch ist? Und zum unverpackten Stück Seife, obwohl ich weiß, dass sie meiner trockenen Haut nicht gut tut? Aber dafür gäbe es sicher ein DIY auf Pinterest, für das ich ein Glas wiederverwenden kann. Muss ich nun auf Sonnenschutz verzichten, weil es den nur in Plastik gibt? Oder rühre ich mir den auch gleich selbst an, obwohl das zwar gefährlich ist, aber besser als nichts?


Life in plastic - is fantastic

Apropos Glas, intuitive Entscheidungen und komplexe Probleme. Glas schneidet in Sachen Ökobilanz nicht besser ab (im Gegenteil) als Plastik. Das gilt vor allem für Glas-Einweg, aufgrund des hohen Energieverbrauchs bei der Herstellung als auch beim Einschmelzen. Übrigens ist auch Quarz nicht unendlich, wie man das so annehmen könnte.
Generell gilt: Mehrweg ist aus Umweltsicht besser und das gilt gleichermaßen für Plastik wie auch für Glas. In Sachen Wiederbefüllbarkeit liegt Glas zwar deutlich (doppelt) höher als PET, allerdings spielen auch Transportwege und damit das Gewicht eine Rolle. Und da schneidet Plastik besser ab.

Hinzu kommt, dass Plastik nicht gleich Plastik ist. Hier gibt es inzwischen Alternativen zur Erdölvariante wie Biokunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen, die kompostierbar sind. Dies ist zum Beispiel bei der Biobrush bzw. deren Verpackung der Fall, über die ich schon mal eine Review verfasst habe. Die Zahnbürste an sich ist leider noch nicht vollständig recycelbar, was vor allem an der bisher noch mangelnden Nachfrage nach solchen Alternativen besteht. Auch hier ergibt Zero Waste für mich wenig Sinn. Eine Reduktion auf Null würde bedeuteten, dass Alternativen nicht entwickelt würden, obwohl diese wünschenswert wären. Weil Biokunststoff eben eine bessere Hygiene bedeuten würde. Auch weil sicher nicht jeder bereit ist, den vollständigen Verzicht zu üben. 

Zero Waste könnte ebenfalls zero Produktion bedeuten; in einer industrialisierten Welt wie unserer auch nicht unproblematisch, denn Müll schafft Arbeitsplätze. 

C2C - eine Alternative?

C2C steht für Cradle to Cradle, ein Konzept, welches durch den deutschen Chemieprofessor und Verfahrenstechniker Michael Braungart und dem US-amerikanischen Architekten William McDonough entwickelt wurde. Übersetzt: Von der Wiege in die Wiege. Gemeint ist damit eine abfallfreie Wirtschaft, die ohne Schadstoffe auskommt, weil alle Stoffe dauerhaft Nährstoffe für natürliche oder technische Kreisläufe sind. Kompostierbare Textilien, essbare Verpackungen und eben möglichst reine Kunststoffe, die immer wieder für den gleichen Zweck verwendet werden können. Die Öko-Vision umfasst aber weitaus mehr als Müll- und Schadstoffvermeidung; auch soziale Gerechtigkeit spielt eine Rolle. Seit 2010 kann nach dem C2C-Prinzip zertifiziert werden.

Zero Waste - zero Sinn?

All das bedeutet nicht, dass ich keinerlei Sinn in der Zero Waste-Bewegung sehe; ich ziehe meinen Hut vor Menschen, die etwas bewegen wollen und anfangen. Allerdings glaube ich nicht an einfache Lösungen; auch wenn ich mir selbst damit sicherlich manchmal im Weg stehe. Aber gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht. Und gerade in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit habe ich noch viel zu lernen. Da ist die Intuition (wie beim Beispiel mit dem Glas) nicht immer der beste Berater. Deshalb versuche ich es erst mal mit kleinen Schritten wie dem Verzicht auf Mikroplastik oder meinem To Go-Becher und recherchiere weiter. Manchmal sind die kleinen Schritte die beste Challenge...

Zum Abschluss noch mal ein kleines Rätsel in Sachen Komplexität: sind nun Plastik- oder Papiertüten besser für die Umwelt? Oder gar der Baumwollbeutel?
Hier gibt es die Antwort

Und jetzt interessiert mich Eure Meinung! Wie steht Ihr zum Thema Zero Waste?

Kommentare:

  1. Zero Waste schaffe ich nicht. Aber wir bemühen uns seit einiger Zeit, unnötigen Müll zu vermeiden. Inzwischen sind wir bei einem kleinen Beutel Restmüll in zwei Wochen und einem gelben Sack in vier Wochen. Früher waren es mindestens zwei Restmüllbeutel und zwei bis drei gelbe Säcke. Aber da geht noch was! Wir sind übrigens auch zwei Personen und eine Katze. :)

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  2. Danke für den kritischen Artikel, mir stößt das Thema ja auch immer auf. Einfach gedachte Konzepte finden schneller Nachahmer, weil man nicht so in die Tiefe denken muss, wo man vielleicht einiges nicht mehr versteht. Es ist generell schwierig die Ökobilanz herauszufinden weil Dinge die man im alltäglichen Leben verwendet viele Wege gehen. Ich halte es für mich so: so viel wie nötig und so wenig wie möglich.

    Bei der Baumwolltüte rechnet auch keiner mit, dass diese mit Sicherheit hin und wieder gewaschen wird und was mit ihr passiert, wenn sie kaputt geht. Welche Baumwolltüte überlebt 80 Jahre? Trotzdem wird sie wahrscheinlich die beste Lösung sein.

    Beim Guppy-Waschbeutel bedenkt keiner, dass der Waschbeutel selber auch aus Kunstfasern besteht, ich frag mich ja ob dieser nicht Fasern verliert. Was passiert mit den Fasern die im Müll landen? Was ist eigentlich mit Kunstfasern die als Endlosfäden hergestellt werden, verlieren die überhaupt Fasern beim Waschen? Und warum denken sich nicht Waschmaschinenhersteller eine Filterlösung aus, die dann vielleicht sogar Pflicht wird und somit automatisch und einfach in jedem Haushalt Plastikfasern herausgefiltert werden können? Guppy-Beutel kaufen oder grundsätzlich keine Kunstfasern mehr verwenden kann zumindest nicht die Lösung sein.

    Was online Shopping angeht: Einzeln verpackte Kleidungsstücke kommen auch einzeln verpackt beim Hersteller aus Asien oder sonst wo an, werden die weiter an Shops geliefert werden sie dort ausgepackt. Retouren und unnütze Bestellungen produzieren aber natürlich deutlich mehr Müll weil neu verpackt werden muss. Ich halte auch Kartonstreifen als Verpackung um die einzelnen Kleidungsstücke bei einigen Herstellern für fraglich, so kommen die sicherlich nicht aus Asien oder sonst wo an, zu großes Risiko, dass die Ware beschädigt oder von Schimmel befallen wird.
    Übrigens sind beim Versand (also Umkarton) auch hier Plastikverpackungen den Kartons umwelttechnisch gesehen wahrscheinlich voraus, weil platzsparend und leichter, das macht beim Versenden einiges aus. Nachdem Plastik momentan aber verschrien ist wird es wahrscheinlich schwierig das dem Kunden rüber zu bringen.

    Bei Zero waste finde ich auch noch den Punkt interessant, dass Zero Waste Läden ihr Sachen meistens aus Plastikbehältern verkaufen, da könnte man auch gesundheitliche Bedenken haben. Grundsätzlich fände ich es sinnvoller wenn für die Breite Masse mehr ohne Verpackung und gewisse Produkte in Großpackungen angeboten würden (Nudeln, Mehl, Reis, Zucker, da fällt mir eine Menge ein was man immer braucht und nicht schnell schlecht wird), die Thekenverkäufer nicht alles in Papier und dann noch mal in eine Papiertüte packen müssten und die Leute endlich mal aufhören würden jede einzelne Tomate in dünne Tütchen zu packen.

    Mit Glas und Plastik weiß ich auch nicht wie ich es halten soll, ich würde Glas bevorzugen wenn ich wüsste, dass die Transportwege kurz sind und es deswegen wirklich umweltfreundlicher wäre...nur, wann weiß man das schon?
    Was Sprudelwasser angeht haben wir schon länger auf Sodastream umgestellt, das macht auf jeden Fall Sinn.

    Lösungen müssen eigentlich so sein, dass sie für den Endverbraucher einfach, bequem, günstig und insgesamt massentauglich sind. Alles andere wird nicht funktionieren und das sehe ich auch bei Zero Waste Ideen als Problem...viel zu kompliziert für den gewöhnlichen Alltag. Es sollte ja kein Hobby sein, sondern Alltag.

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  3. Schwierig. Ich persönlich sehe es so: Erdölplastik, das in die Umwelt gelangt, macht irgendwann sehr großen Schaden durch Mikroplastik. Auch noch in 100 Jahren. Die Flasche aus Glas hat jetzt vielleicht keine gute Energiebilanz, aber die hat sie sofort, und die bleibt gleich, ich "bezahle" quasi sofort und verlagere nicht das Problem.

    Unmittelbare Auswirkung nennt man das wohl. Plastik ist wie kaufen auf Kredit, Papier und Glas eher wie (ungeborgtes) Bargeld.

    Ich glaube, zu Zero Waste gehört nicht nur der Verzicht, sondern auch gesunder Konsum. Dass ich aktiv mein Geld dort ausgebe, wo ich gute Lösungen sehe - auch wenn ich das Teil nicht unbedingt benötige. Damit innovative Ideen Fortbestand haben und die Firmen, die sie alltagstauglich machen, nicht Pleite gehen.

    Aber wie gesagt, das ist ein vielschichtiges Thema, Lösungsansätze sind schwierig.

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  4. Ein interessanter Artikel, vielen Dank!
    Ich glaube, es wäre schon viel erreicht, wenn alle zumindest bewusster konsumieren.

    ...und ich finde des Mini-Mülltonnenbild ganz bezaubernd, mit sowas fängt man mich ja ^^

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Vielen Dank fürs Kommentieren :)

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